16. Der undankbare Jäger

Es war einmal ein Jäger. Er war so ein guter Jäger, daβ man ihn "Totobrito" nannte, was soviel bedeutete wie "der Unbezwingbare." Er hatte Augen wie eine Krabbe, sagten die Leute von Dompimkese. Dies, weil Krabben die Augen rundherum rollen können und alles sehen. Und er hatte Ohren wie ein Löffelhund, weil er alles hörte. Sein richtiger Name jedoch war Bodu, aber dieser Name war kaum bekannt. Immer wenn er von der Jagd nach Hause zurückkehrte, brachte er viel Fleisch für seine Frau und Kinder mit.

Eines Tages nahm Bodu seinen Pfeil und Bogen und machte sich auf den Weg in den Wald, um zu sehen, ob er eine Gazelle für das Abendessen jagen konnte. Er war gar nicht weit von seinem Haus entfernt, als er an einem großen Loch vorbeiging. Eine laute Stimme ertönte aus dem Loch,

"Bodu, du guter Mann, hilf uns!"

Er schaute um sich, aber da war niemand in Sicht.

"Bitte, Bodu, bitte, schau ins Loch!", kam erneut die eindringliche Stimme aus dem Nichts.

Bodu blieb nichts anderes übrig, ins Loch zu gucken. Da drinnen waren ein Mann, eine Ratte, ein Löwe und ein Hase gefangen, die in das Loch gefallen waren und sich nun nicht mehr befreien konnten. Was sollte er jetzt tun? Bodu entschied sich, den Mann, der Ananse hieβ, zu retten. Alle Menschen sind Brüder, und vielleicht kann er mir eines Tages auch einmal helfen, dachte Bodu. Ein Tier dagegen wird mir nie helfen können. Mit diesen Gedanken in seinem Kopf holte er Ananse aus dem Loch heraus und ließ die drei Tiere, trotz ihrer flehenden Bitten zurück.

Der Jäger hatte seinen Weg kaum fortgesetzt, als ein Rotkehlchen, das auf einem Ast saß, anfing zu singen:

"Du sollst nicht unterscheiden zwischen Mensch und Tier."

Klar, daβ Bodu überrascht war. Er hatte nie darüber nachgedacht. Schon ganz und gar nicht, daβ so eine Botschaft von einem Vogel kommen konnte. Er überlegte einen Moment und kehrte zu dem großen Loch zurück, wo der Löwe, der Hase und die Ratte noch gefangen waren. Ich werde sie alle befreien, entschloss sich Bodu. Vielleicht können auch sie mir einmal behilflich sein.

Bodu half daraufhin allen drei Tieren aus dem Loch heraus in die Freiheit zu gelangen. Sie waren überglücklich und gaben mit einem Freudentanz ihren Gefühlen Ausdruck.

Dann sprach die Ratte mit ihrer quiekenden Stimme. "Weil du so gut zu mir warst, Bodu, werde ich auch gut zu dir sein. Von nun an wirst du reich sein. Ich werde dafür sorgen, daβ du immer Geld bekommst. Du musst mir nur versprechen, niemandem davon zu erzählen", sagte die Ratte und verschwand schnell ins Gebüsch.

"Weil du so gut zu mir warst, Bodu, folgte der Löwe, wirst du immer Fleisch haben. Ich werde dafür sorgen, Du genug musst mir nur versprechen, daβ niemand etwas davon erfährt", sagte der Löwe und ging seinen Weg.

Als Dritter sprach der Hase. "Weil du so gut zu mir warst, werde ich auch gut zu dir sein. Ich werde dafür sorgen, daβ du immer genug Gemüse und Früchte zu essen bekommst. Du musst mir nur versprechen, niemandem davon zu erzählen", sagte der Hase und hoppelte davon.

Bodu war sehr überrascht von dem, was er gehört hatte und wusste nicht so recht, ob er diese unglaubliche Geschichte glauben sollte oder nicht. Er ging anschließend nach Hause und erzählte niemanden von seinem Erlebnis.

Ein paar Tage nach diesem Ereignis ging Bodu erneut auf die Suche nach Fleisch für seinen Suppentopf. Obwohl er Totobrito genannt wurde, weil er gut jagen konnte, fand er noch nicht einmal ein Taubenei im Wald. Er wollte gerade nach Hause zurückgehen, als er wieder die Stimme des Rotkehlchens hörte.

"Du guter Bodu, schau mal hinter den Baobab auf der linken Seite." Bodu schaute sofort nach.

Da, in Reih und Glied lagen drei fette Antilopen, die der Löwe dorthin gebracht hatte. Löwen sind ja bekanntlich sehr gute Jäger. Jetzt war Bodu sehr glücklich, er sammelte die Jagdbeute ein und ging nach Hause. Er sagte zu seiner Frau:

"Jetzt haben wir sehr viel Fleisch, geh' morgen auf den Markt und hole viel Gemüse und Yamswurzeln. Wir wollen ein großes Fest geben."

Seine Frau war damit einverstanden.

Aber am nächsten Morgen, oh Wunder, war die Küche von Bodu schon voller Essen. Der Hase, der versprochen hatte, ihm Essen zu besorgen, war da gewesen und hatte Bananen, Guaven, Erdnüsse, Mais, Reis, Papayas und viele andere Nahrungsmittel gebracht. Bodus Frau war sehr überrascht; aber Bodu verriet nichts.

Die Regenzeit kam und ging. Auch die Trockenzeit kam und ging. Bodu hatte keine Sorgen mehr. Er wurde regelmäßig mit Fleisch und Essen versorgt, und er musste nicht mehr viel arbeiten.

Eines nachts träumte Bodu. Er träumte von viel Geld, daβ jemand hinter seinem Schrank versteckt hatte. Am nächsten Morgen war er sehr neugierig. Er schaute sofort hinter den Schrank. Er konnte seinen Augen nicht trauen. Ein großer Sack voller Gold und Silber lag da. Unter dem Sack war ein Loch, das der Eingang zu einem Tunnel war, der bis zum Palast des Königs Amponsem führte. Alle Leute in Bodus Haus wunderten sich über den Geldsack, aber Bodu schwieg, weil er wusste, wer ihn dorthin gebracht hatte.

Drei Tage nach diesem Ereignis, als Bodu schlief, wurde er aus seinem tiefem Schlaf geweckt. Gong, gong, gong. Der Bote des Königs von Dompimkese ging durch das Dorf. Er rief:

"Alle Leute, hört, hört! Unser König Amponsem hat sein Gold verloren. Wer das Gold gestohlen hat, wird verhaftet. Wer das Gold findet, wird belohnt."

Als Bodu dies hörte, begann er am ganzen Körper zu zittern. Er ahnte nun was die Ratte gemacht hatte und fürchtete sich vor den drohenden Konsequenzen.

Im Dorf fragten sich alle Bewohner wer das Gold gestohlen haben könnte. Da erinnerte sich Ananse, der von Bodu aus dem großen Loch befreit wurde, was die Ratte Bodu versprochen hatte. Er hatte jetzt die Möglichkeit, die großzügige Belohnung des Königs zu bekommen und ohne große Mühe reich zu werden. Ananse zögerte nicht lange und ging schnurstracks zum Palast des Königs.

"Ich weiβ, wer das Geld gestohlen hat. Geht zu Bodu, dem Jäger, er hat mit Sicherheit den Sack des Königs voller Gold."

Drei starke Soldaten wurden daraufhin zum Haus des Jägers geschickt. Sie fanden tatsächlich das Diebesgut. Bodu wurde verhaftet und in das dunkle Gefängnis des Königs gesteckt. Von nun an lebte er nur von Brot und Wasser.

Allein gelassen, begann Bodu über all die zurückliegenden Ereignisse nachzudenken. Warum hatte Ananse ihn verraten, obwohl er ihm schon einmal geholfen hatte? Er fühlte sich sehr ungerecht behandelt, fand aber keine Antwort darauf. Er war kurz vor dem Einschlafen, als er wieder die Stimme des Rotkehlchens hörte.

"Du sollst nicht unterscheiden zwischen Mensch und Tier."

Jetzt erinnerte er sich. Ja, damals hatte er keine gute Meinung von Tieren gehabt. Aber siehe da, sie hatten Wort gehalten. Ananse hingegen, war undankbar und hatte ihn noch obendrein verraten. Bevor Bodu endlich einschlief, entschloss er sich, sollte er aus dem Gefängnis wieder herauskommen, alle Lebewesen gut zu behandeln. Am nächsten Morgen erzählte er dem Wächter des Königs von seinem Entschluss.

Der König von Dompimkese wurde von Bodus Entscheidung unterrichtet. Dies gefiel ihm so sehr, dass er Bodu zu sich kommen ließ. Vor seinem versammelten Hofstaat hob der König seine Stimme und sagte:

"Freundschaft ist wichtig. Denn man braucht immer einen Helfer um den Splitter im eigenen Auge zu entfernen. Wenn wir uneins sind, werden wir alle blind. Von nun an Bodu, wirst du die Splitter in den Augen deiner Nachbarn entfernen helfen. Geh' nach Hause und lebe mit den anderen in Frieden", sagte der König.

„Du, Ananse hast nur Zwietracht im Kopf. Du bist ungeeignet für unsere friedliche Gemeinschaft. Ich verurteile dich hiermit zu einer Verbannungsstrafe von drei Jahren. Danach wollen wir hoffen, dass du zu Vernunft und Einsicht gekommen bist.“

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