15. Die Prinzentochter

Amihia, der Prinz von Simpa, war ein sehr mächtiger, reicher Mann. Er hatte eine sehr junge, hübsche Tochter. Er nannte sie Sika, was in unserer Sprache Gold bedeutet, weil sie wie Gold glänzte. Amihia liebte sie über alles. Sika war wahrhaftig bildschön und liebreizend. Auch der Glanz des Mondes war fahl gegen ihrer Ausstrahlung.

Prinzessin Sika wuchs zu einer wunderschönen Frau heran. Endlich war die Zeit gekommen, da Sika heiraten sollte. Reiche Männer, schöne Männer, hässliche Männer, mächtige Männer, sie alle kamen aus allen Teilen der Welt nach Simpa, um Sika zu heiraten. Amihia wollte sie keinem dieser Bewerber so einfach geben. Seine Bedingung für eine Heirat war folgende:

"Derjenige, der meine Tochter heiraten will, muss der intelligenteste Mann der Welt sein", sagte er zu allen Heiratskandidaten.

Prinz Amihias größtes Problem dabei war, wie er herausfinden sollte, wer intelligent war und wer nicht? Er dachte sich einen schönen Plan aus und entschloss sich, alle Kandidaten zu prüfen. Die Prüfung bestand darin, daβ jeder, der seine Tochter heiraten wollte, eine Woche lang eine einzige Geschichte ohne Unterbrechung erzählen musste. Daraufhin kamen viele, die es versuchten, aber keinem gelang es. Denn wer kennt schon eine so lange Geschichte? Zwei Tage, drei Tage, vier Tage, das wäre vielleicht noch möglich. Aber eine Woche! Das ist nicht zu schaffen, sagten alle Heiratskandidaten. Fünf Jahre vergingen, aber Sika war noch immer unverheiratet.

Eines Tages erschien ein kleiner junger Mann im Palast des Prinzen von Simpa. Er war nicht reich und er war nicht schön. Sein Hemd war voller Löcher.

"Was suchst du hier?", fragten ihn die Palastsoldaten. "Ich möchte Sika heiraten", antwortete der junge Mann ganz forsch.

"Dann musst du eine Woche lang eine Geschichte erzählen."
"Jawohl, ich habe eine Geschichte", entgegnete der kleine Mann. Natürlich glaubte ihm dies keiner.

"Ein mickriger Mann wie du kann keine lange Geschichte erzählen", sagte einer der Wachsoldaten und schickte ihn sofort wieder nach Hause. Nach drei Tagen stand er wieder vor den Toren des Palastes und bat erneut um Einlass.

"Ich möchte Sika heiraten, und ich habe eine lange Geschichte zu erzählen. Ich werde nicht mehr nach Hause gehen, bis ich meine Geschichte vortragen darf."

Ein Bote wurde in den Palast geschickt, um Prinz Amihia von diesem merkwürdigen Mann zu berichten. Als Amihia von dem kleinen Mann hörte, wurde er sehr neugierig. Er wollte unbedingt seine Geschichte hören. "Der kleine Mann soll wie jeder andere Mann seine Chance bekommen. Wenn seine Geschichte zu kurz ist, wird er scheitern. Wenn es ihm gelingt, eine lange Geschichte zu erzählen, ist er nicht mehr ein kleiner Mann sondern der Ehemann meiner Tochter", sagte der Prinz.

Das Vorhaben des kleinen Mannes, der eine lange Geschichte zu erzählen hatte, breitete sich wie ein Waldbrand in Amihias Dorf aus. Der Morgen des folgenden Tages wurde als Tag der Geschichten anberaumt. Im großen Hof des Palastes versammelten sich alle Einwohner von Simpa, um die Geschichte zu hören.

An diesem Morgen kamen fünf neue Heiratskandidaten für den Wettbewerb zusammen. Dann begann der erste seine Geschichte zu erzählen. Nach einer Stunde war er fertig. Der Zweite kam und gab nach dreizehn Stunden auf. Alle anderen mussten passen, sie waren beim langen Warten eingeschlafen.

Jetzt war der kleine Mann an der Reihe.
"In einem fernen Land", begann er, "hatten alle Leute Hunger, aber ein Heuschreckenschwarm vernichtete jedes Jahr die Ernte. Um die nächsten Erträge zu sichern, bauten die Bewohner dieses Landes ein ganz groβes Haus, in dem sie die Ernte unterbrachten.

„Von nun an werden wir nicht mehr hungern. Die Heuschrecken werden keinen Weg finden, um ins Haus zu kommen und uns alles wegzufressen“, sagten sie.

Ein Jahr später war wieder Erntezeit. Das Haus wurde bis zur Decke voll gestopft mit Vorräten und alle Türen und Fenster wurden dicht gemacht. Wieder kamen die Heuschrecken. Soviele, daβ das Licht der Sonne verdunkelt wurde. Es waren schätzungsweise fünf Millionen. Sie fanden alle Ein und Ausgänge verschlossen aber sie gaben nicht auf, sie suchten, suchten und suchten. Es gab keine Möglichkeit, durch die Türen oder Fenster einzudringen. Nach dem dritten Tag, als sie alle sehr erschöpft waren, schrie eine Heuschrecke:

„Ich hab's! Hier ist ein ganz kleines Loch. Wenn jeder von uns nacheinander und ein Körnchen Mais herausholt, werden wir doch viel zu essen haben."

Also fingen die Heuschrecken an zu sammeln. Die erste holte ein Körnchen, die zweite ein Körnchen, die dritte ein Körnchen, die vierte ein Körnchen, die fünfte ein Körnchen, die sechste, die Siebte, die achte, ... und so weiter und so weiter. Alle zuhörenden Dorfbewohner zählten mit.

Nun dürfen wir nicht vergessen, da waren circa fünf Millionen Heuschrecken und das ist eine ungeheure Menge. Und wenn jede Heuschrecke nur ein Körnchen nimmt, wird es eine Ewigkeit dauern, bis alles herausgebracht ist. Aber kleine Mann zählte und zählte weiter, ganz geduldig. Zwei Tage vergingen. Er fuhr fort. Vier Tage vergingen, er zählte immer noch. Jetzt war eine ganze Woche herum. Und nach einer weiteren Woche waren die Heuschrecken immer noch dabei, die Maiskörnchen zu sammeln. Der junge Mann konnte deshalb seine Geschichte immer noch nicht beenden. Damit hatte er die Aufgabe gelöst und war Sieger des Wettbewerbs!

Die anderen Heiratskandidaten waren verwundert und sprachlos. Wie konnte ein so einfacher Kerl so viel Intelligenz besitzen? Sie protestierten, dass es nicht standesgemäß sei, so ein schönes Mädchen wie Sika solch einen Mann zur Frau zu geben. Prinz Amihia war ebenfalls verwundert, aber voller Anerkennung:

"Du bist wirklich der intelligenteste Mensch der Erde und hast es verdient, meine schöne Tochter Sika zu heiraten. Schlagt die großen Trommeln. Wir feiern Hochzeit, wenn die Ernte abgeschlossen ist. Dann darfst du meine Tochter heiraten. Du hast deine Klugheit bewiesen, sodass ich für Euch beide zur Belohnung einen großen Palast bauen werde", sagte Amihia.

Er wandte sich anschlieβend den anderen Heiratskandidaten zu und sagte:

"Seht ihr, weder Reichtum noch Schönheit noch Macht kann euch intelligent machen. Nur dieser kleiner Mann konnte wirklich zeigen, was Intelligenz bedeutet. Lernt daraus, dass Ihr allen Menschen - ungeachtet ihres äußeren Scheins - freundlich und respektvoll entgegentretet. Geht jetzt alle nach hause und versucht, nicht mehr mit Geld und Macht zu imponieren."

Unterhaltung